Im Namen des Volkes
Schon manch ein Urteil war grotesk,
vom Volk nicht zu versteh'n
und doch glaubt die Justiz ganz fest,
des Volkes Wille sei gescheh'n.

Ein Mann gesteht das Töten,
man zollt ihm großen Dank,
man war in argen Nöten,
Beweiskraft - war sehr krank.

Er hätt' nichts sagen müssen,
jetzt hat er's doch getan,
man könnte ihn fast küssen,
man sieht ihm Reue an.

Es war die schwere Jugend,
die ihn zum Morden trieb,
er hat sonst jede Tugend,
nur einen schlechten Trieb.

Der Nächste hat geschlagen,
sein Opfer ist ein Greis,
"Versucht euch zu vertragen!
Er tat's ja nicht aus Fleiß!"

Der Richter ruft zur Buße,
sein kleiner Finger droht,
nun folgt ihm auf dem Fuße:
"Vielleicht war er in Not?"

Er meint den fiesen Täter,
der grinst - und langweilt sich,
der hatte viele Väter,
drum schlägt er so um sich.

Der Greis - er liegt im Koma,
der Schläger schläft fast ein,
denn schuld ist seine Oma,
sie ließ ihn oft allein.
Der Richter sieht das Ganze
als Kavaliersdelikt,
er gibt ihm eine Chance,
drum er zum Täter spricht:

"Wär' er dir nicht begegnet,
wär's sicher nicht passiert,
dein Tun wird nicht gesegnet,
doch scheinst du selbst schockiert.

Du wirst nun zwanzig Stunden,
gemeinde-nützlich sein,
denn ich kann dir bekunden,
schuld warst du nicht allein."
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Ender-Lyrik / Zeitgeist
Ende(r)
Fotos & Gedichte: © Klaus Ender
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